Bemerkenswert

Semesterthema HWS 22/23 – Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert

Wir freuen uns, euch das Semesterthema SICoRs für das kommende HWS 2022/23 bekannt geben zu können; es lautet „Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert“. Hierbei haben wir uns vorgenommen die großen Gerechtigkeitsfragen hinsichtlich ihrer Entwicklung im 21. Jahrhundert zu beleuchten. Sorgt der Klimawandel für ein weiteres Zurückfallen der dritten Welt? Wie sollten Emissionsbudgets auf Länder fair verteilt werden? Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt und wie kann man in diesem Rahmen die soziale Gerechtigkeit aufrechterhalten? Erwarten uns große Migrationsströme und inwiefern ist aus ethischer Perspektive mit diesen umzugehen? Diese Fragen wollen wir im Rahmen von Plenen, externen Vorträgen, Workshops und Exkursionen uns stellen, ausarbeiten und -diskutieren und schlussendlich Ansätze finden, wie möglicherweise die Welt im 21. Jahrhundert eine gerechtere und damit lebenswertere werden könnte.
Wir freuen uns auf ein spannendes und facettenreiches Semester!

Bildquelle:
Wassily Kandinsky, Die Braut, 1903, Gouache auf braunem Karton, 41,5 cm x 28,8 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Gabriele Münter Stiftung 1957 CC0 1.0 (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)
https://www.lenbachhaus.de/entdecken/sammlung-online/detail/die-braut-30003728 (Änderungen wurden am Bild vorgenommen)

About Us

Wir bei SICoR sind der einzige offizielle studentische Ableger des Club of Rome. Die Studierendeninitiative Club of Rome (SICoR) wurde 1994 von einigen Studenten gemeinsam mit Herrn Professor Dr. Kortzfleisch gegründet, mit dem Zweck einen interdisziplinären Austausches hinsichtlich der gegenwärtige und zukünftige Probleme der Welt unter Studenten zu ermöglichen, um zu informieren und zum Nachdenken anzuregen. Seitdem ist SICoR als studentische Initiative an der Universität Mannheim aktiv; es wurden Redner wie Ervin László, Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker sowie Maja Göpel an die Universität geholt, Fahrten nach Genf, Brüssel und Den Haag unternommen und sich mit einer Vielzahl an Themen auseinandergesetzt.
Wir treffen uns in etwa jede Woche, um uns bei Plenen oder einer anderweitigen Veranstaltung mit relevanten Themen im Bereich im Zusammenspiel von Ökologie und Ökonomie auseinanderzusetzen, indem wir uns über diese informieren sowie diskutieren. Außerdem veranstalten wir öffentliche Vorträge und Podiumsdiskussionen, unternehmen Studienfahrten, besuchen gemeinsam externe Veranstaltungen wie Theaterstücke und verfassen Beiträge rund um gegenwärtige Themen der Nachhaltigkeit. 

Der Club of Rome ist ein internationaler Think Tank, der 1968 gegründet wurde und als einer der ersten vor den Auswirkungen des Klimawandels gewarnt hat. Mit seiner Publikation „The Limits to Growth“ mahnte er die Grenzen der Erde an, wenn die damalige Zunahme der Weltbevölkerung, Industrialisierung, Umweltverschmutzung und Nutzung von natürlichen Ressourcen anhielte. Auch heute hat er nicht an Relevanz verloren und verfolgt weiter das ursprüngliche Ziel, zukünftige Probleme der Menschheit aufzuzeigen und Lösungen für diese zu entwickeln. Folglich ist unser Selbstverständnis und Zweck dem des Club of Rome nachempfunden, obgleich natürlich auf einer anderen Ebene. Dem Club of Rome gehören unter anderem (Ehren-)Mitglieder wie Michail Gorbatschow, Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker und Beatrix von Oranien-Nassau an. 

In diesem Semester beschäftigen wir uns mit unserem Semesterthema „Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert“; in diesem planen wir, die großen Gerechtigkeitsfragen hinsichtlich ihrer Entwicklung im 21. Jahrhundert zu beleuchten. Sorgt der Klimawandel für ein weiteres Zurückfallen der dritten Welt? Wie sollten Emissionsbudgets auf Länder fair verteilt werden? Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt und wie kann man in diesem Rahmen die soziale Gerechtigkeit aufrechterhalten? Erwarten uns große Migrationsströme und inwiefern ist aus ethischer Perspektive mit diesen umzugehen? Diese Fragen wollen wir im Rahmen von Plenen, externen Vorträgen, Workshops und Exkursionen uns stellen, ausarbeiten und -diskutieren und schlussendlich Ansätze finden, wie möglicherweise die Welt im 21. Jahrhundert eine gerechtere und damit lebenswertere werden könnte.

Gastvortrag Prof. Niko Paech – Zusammenfassung

Am 12. Mai erwies Herr Professor Dr. Niko Paech uns die Ehre, einen Vortrag zu dem Weg in die Postwachstumsökonomie zu halten.

Auf eine kurze Einleitung folgten die Ausführungen von Herr Paech. Die Postwachstumsökonomie solle als Konzept in Hinblick auf das Problem des Klimawandels betrachtet werden mit dem Ziel, gleichzeitig einen Zustand des sozialen Ausgleichs und einer ökologischen Rehabilitation zu erreichen.

In unserem jetzigen Zustand solle die Frage nach einer Reduktion sehr zentral sein, da ein jeder Mensch (bis zu einem gewissen Grad) verantwortlich sei für das Erreichen und Überschreiten ökologischer Barrieren, da keineswegs ein inhärenter positiver Zusammenhang zwischen Wachstum und Zufriedenheit gegeben ist und da ein ewiges gleich geartetes Voranschreiten ab einen gewissen Punkt die eigene Existenz gefährdet. Angebliche in den letzten Jahren erreichte Fortschritte in den Bereichen des Klimaschutzes spiegeln sich nicht in dem zentralen Kennwert des Pro-Kopf-CO2-Konsums entscheidend wider.

Weiterhin adressiere die Idee des grünen Wachstums nicht adäquat das gegebene Problem; grünes Wachstum überschätze nämlich die Tragweite des technologischen Fortschritts, unterschätze Rebound-Effekte und habe weder ein konkrete Zielvariable noch eine politisch umsetzbare Ausgestaltung. Zudem löse selbst eine vollständige Umstellung auf klimaneutrale Primärenergiequellen die Problematik nicht, da enorme Teile der indirekten Treibhausgasemissionen auch auf Importgüter zurückführen seien. Des Weiteren erschweren Platzprobleme bei erneuerbaren Energien sowie Hindernisse in den Energiespeicherkapazitäten eine stabile und langfristig tragbare Lösung, die auf Wachstum setzt.

Hier setze die Postwachstumsökonomie an, indem sie basierend auf den Erkenntnissen der Glücksforschung, die zeigen, dass Konsum nur bis zu einem gewissen Grade zu Glück beiträgt aufgrund von Sättigungs- und Reizüberflutungseffekten, propagiert, dass Reduktionen im Konsumniveau nicht für automatisch schlecht bewertet werden. Daher bestehe gegenwärtig in Industrieländer ein Reduktionspotential im BIP auf ein Steady-State Niveau, welches folglich ökologisch vertretbar und haltbar wäre. In diesem Steady-State sollen die Werte Suffizienz und Subsistenz hochgehalten werden, um Entrümpelung, Entschleunigung, Eigenproduktion und kollaborative Ansätze zu fördern. Außerdem müssten sich die ökonomischen Strukturen regionalisieren, nachfrageorientiert sein und die Individuen zu „Prosumenten“ machen. Unter diesen Gesichtspunkten könne die Postwachstumsökonomie dazu beitragen, die ökologischen Probleme zu überwinden und sie gleichzeitig mit der sozialen Frage zu versöhnen, ohne dabei auf Zufriedenheit und Glück verzichten zu müssen.  

Zuletzt wollen wir uns noch einmal herzlichst bei Herrn Paech für seinen interessanten und aufschlussreichen Vortrag sowie für den insgesamt netten Abend bedanken!

Gastvortrag Prof. Radermacher – Zusammenfassung

Am 28. April besuchte uns Herr Professor Dr. Franz Josef Radermacher, um einen Vortrag zu dem Thema Energie, Klima und Zukunft – Navigieren in schwierigem Gelände.

Nach einer kurzen Einleitung begann Herr Radermacher mit seinen Ausführungen; laut ihm sollte man den Klimawandel nicht als existentiellen Kampf um den Fortbestand der Erde, sondern vielmehr als Kampf um die Qualität der zukünftigen menschlichen Zivilisation wahrnehmen. Eine der zentralsten Ursachen und Herausforderungen im Rahmen des Klimawandels sei der rapide Anstieg der Weltbevölkerung in den letzten Dekaden. Der Wunsch vieler Entwicklungsländer nach einem wachsenden Wohlstand und einer wachsenden Bevölkerung seien kaum zu delegitimieren, allerdings führen sie zu zahlreichen Problemen. Energie werde heutzutage als entscheidendes Vehikel zur Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse betrachtet; dabei existieren Konflikte zwischen entwickelten und Entwicklungsländern in der Fokussierung auf totalen Energieverbrauch oder Energieeffizienz.

In der Debatte für den Klimaschutz existieren auch weitere Interessenskonflikte zwischen der entwickelten und der Entwicklungswelt. Bei den ersten Umweltkonferenzen in den 1970er, die allesamt scheiteten, äußerten die Entwicklungsländern den Vorwurf, dass Umweltschutz nur ein Vorwand der reichen Länder sei, um die bestehenden Verhältnisse aufrechtzuerhalten. In der gegenwärtigen Lage werde die Frage der Verteilungsgerechtigkeit zunehmend verschärft durch aus den Folgen der Klimarisiken resultierenden höhere Zinsen, die nachhaltige Investitionen in den Entwicklungsländern erschweren. Andere vielversprechende Projekte wie Transferleistungen für den Regenwaldschutz oder zur CO2-Emissionenreduktion scheitern häufig am politischen Unwillen. In der Praxis dominieren häufig ein Klimanationalismus, der durch die Fokussierung von Klimainvestitionen in der eigenen Nation charakterisiert sei, auch wenn in anderen Staaten, v.a. in Entwicklungsländer, die Kosten pro eingesparter Emissionseinheit häufig deutlich geringer seien. Allerdings existieren dafür gegenwärtig innerhalb  der supranationalen Strukturen und Verträge für ein solches Handeln keine Anreize; stattdessen werde „Carbon Leakage“ gefördert, also das Verschieben von emissionsintensiven Zweigen in Länder mit geringeren Auflagen.

Mögliche Lösungsansätze umfassen unter anderem die Speicherung und Nutzung von ausgestoßenen CO2. Dieses könne dann weiterverwendet werden zur Herstellung von synthetischen Kraftstoffen oder Baustoffen; allerdings stehen neben einiger praktischer Umsetzungsschwierigkeiten auch die rechtlichen Rahmenbedingungen diesem Ansatz momentan noch im Wege. Auch ein globaler Zertifikatshandel biete gute Möglichkeiten zur Eindämmung der Emissionen, scheitere aber gegenwärtig an politischen Widerständen.

In der anschließenden Diskussion betonte Herr Radermacher, dass gegenwärtig Teile der Debatte von vorgeschobenen Problemen und Lösungen sowie individualistischen Strategien dominiert seien. Weiterhin seien keine zu „revolutionären“ Lösungen einzusetzen; stattdessen sollte man, auch wegen der Aufrechterhaltung der öffentlichen Meinung, einen konstanten Übergang schaffen, der auch die übergangsweise Nutzung „alter“ Infrastrukturen beinhaltet; für das Funktionieren eines solchen Übergangs seien neue Technologien entscheidend.

Wir bedanken uns noch einmal herzlichst bei Herrn Radermacher für seinen spannenden und lehrreichen Vortrag sowie für den insgesamt schönen Abend!