Die Natur und Wir – Ein kurzer Aufsatz über ein schwieriges Verhältnis

Die Natur, glorifiziert und vergöttert, instrumentalisiert und geschunden, viel hat sie durchmachen müssen, Wandel um Wandel erlebend, wenngleich unscheinbar das Ewige symbolisierend.  In Zeiten des fortschreitenden Klimawandels gerät dieses Bild ins Wanken; man muss sich einmal mehr fragen, inwiefern unser Verständnis und Verhältnis gegenüber der Natur mit dazu beigetragen haben, dass die gegenwärtige Entwicklung überhaupt zu einer Möglichkeit geworden ist, und wie ein Wandel in unserem Verständnis zur Natur uns bei der Eindämmung des Klimawandels helfen könnte.

Unser Verständnis der Natur gegenüber, die Natur wird allgemein definiert als das nicht menschlich Geschaffene, war einer Vielzahl historischer und geographischer Wandel unterworfen. In Urzeiten der Kampf gegen die Gewalten, primär ein Überleben gegen die Natur, aber ein Leben in Übereinstimmung mit dieser; häufig wird sie als vollkommene Macht mit ihren einzelnen Suberscheinungen durch die Völker in Regungen kulturellen und göttlichen Bewusstseins verehrt. Jahrtausende später, in denen die Menschen sesshaft werden und erste Zivilisationen ausbilden, werden an manchen Orten erste philosophisch begründete Theorien zum Mensch-Natur-Verhältnis entwickelt und niedergeschrieben. In der Welt des antiken Europas dominierte früh Gedanken, die die Natur als etwas außerhalb des Menschen Stehenden und damit von ihm Abhängigen betrachtet, welches begriffen und beherrscht werden kann. Im fernen Osten hingegen werden Menschen und Natur als Gesamtheit des Seins betrachtet, Mensch und Natur sollen harmonisch miteinander verweilen, woraus die Achtung der Natur durch den Menschen erwächst. In der westlichen Philosophiegeschichte bestehen die Gedanken der Antike fort, getragen durch christliche Lehren. Natur wird betrachtet durch ihr Verhältnis zum Menschen mit dem tendenziellen Ziel, diese zu beherrschen und zu erklären (v.a. in der Moderne bei Descartes, Locke und Bacon). Bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Spinoza, der Gott „naturalisiert“ und damit die Natur zu etwas tief Religiösem macht) wird die Natur im Christentum zu einer Art Materie ohne intrinsischen Wert.

Eine erste Abkehr lässt sich aus Leibniz‘ Schriften herauslesen; seine Idee der monadischen Harmonie innerhalb der Natur kann als Abkehr des Verständnisses der Natur als mechanistisches Wirkungsgebilden verstanden werden. Die Natur ist vielmehr Materie, der Leben und eine innere Dynamik innewohnt. Nachdem erste Kultur- und Zivilisationskritik durch Rousseau laut geworden ist und andere Denker, wie u.a. Goethe, sich aus zum Teil, aber nicht ausschließlich religiösen Gründen der Natur als Instanz zuwandten und ihr ebenbürtig begegneten, brachte Schelling diese aufkeimenden Gedanken in seiner Naturphilosophie unter. Schelling meint, dass der Natur ein Subjektcharakter innewohnt, da ihr selbst Prinzipien immanent sind, die Natur selbst schafft und bis zu einem gewissen Gerade menschenähnlich agiert; damit muss der Natur Raum und Freiheit gewährt werden. Mit dieser Auffassung hebt sich Schelling deutlich von den anderen Philosophen des deutschen Idealismus ab, die meist zwischen erkenntnistheoretisch begründetem Menschenzentrismus und Ansätze einer „freien Natur“ in Tradition von Leibniz stehen; folglich erlebt Schellings Naturauffassung in der kommenden Periode der Romantik eine Blütezeit. Eine neue Dimension wurde auf unser Verständnis zur Natur Jahrzehnte später durch Nietzsche gelegt. Innerhalb dessen Analyse veränderte sich der Fokus; Nietzsche fokussierte sich primär darauf, das Verhältnis des modernen Menschen zur Natur zu verstehen.  Auch wenn er in kantischer Tradition dem Menschen das Recht zur Naturaneignung zuspricht (u.a. im Rahmen seines Willens zur Macht), stellt er Kluft zwischen dem damals modernen Menschen und der Natur fest, die sich auch in der Unterdrückung der menschlichen Natur widerspiegelt; Natur wird auf Zahlen und Stoff reduziert, wodurch der Mensch sich ihrer entfremdet. Nietzsche versteht entsprechend Teile seiner Schriften als Versuch das menschliche Subjekt und die kosmische Natur zusammenzuführen. In diesem Rahmen spricht Nietzsche von der Bedeutung, dass der Mensch sein unbedeutendes Sein und sein tragisches Schicksal annimmt und sich der Natur unterwirft, um sich von dem Irrtum des Egoismus abzukehren, hin zu einem höheren Sinn des Kosmos. In Goethes und Nietzsches Tradition argumentiert Spengler, der in der voranschreitenden Technologisierung das Ziel der Besiegung der Natur sieht. Die so erschaffene Welt ist dem Menschen untertan, direkt von diesem errichtet, allerdings erhebt sich diese Welt selbst über den Menschen und „knechtet“ ihn und bleibt ihm fremd, während die Natur dem Menschen immer fremder wird. Adorno und Horkheimer und andere Philosophen der kritischen Theorie fokussierten sich auf die Unterwerfung und Aneignung der Natur durch den Menschen und die kapitalistischen Strukturen. Dabei gehen durch die fortschreitende Technologisierung und den fortschreitenden Kapitalismus Menschheits- und Naturbeherrschung miteinander einher; der beherrschte Mensch ist unfrei, gefangen in den Strukturen, entfremdet von der Natur. Wo stehen wir gegenwärtig, in Zeiten, in denen Eismassen brechen und schwinden, Lebewesen nach Lebewesen ausstirbt und die zu atmende Luft tödlich sein kann?

Im folgenden Abschnitt wird Natur eng definiert, um den Bezug zu den gegenwärtigen Entwicklungen des Klimawandels herzustellen. Als Natur wird die nicht-menschliche oder menschengemachte Substanz (Dinge mit räumlicher Präsenz, also keine Ideen etc.) der Erde verstanden.

Eine Diagnose hinsichtlich des gegenwärtigen Verhältnisses der Menschheit zu der Natur zu stellen, von welcher man allgemeine Validität abverlangt, wäre mehr als anmaßend; dafür sind Kulturen und Menschen glücklicherweise noch verschieden genug. Trotz alledem lassen sich durchaus einige Sachverhalte beobachten und Mutmaßungen aus ihnen ziehen. Generell ist das heutige Verhältnis der Menschen zur Natur in den entwickelten Ländern geprägt durch ein Spannungsverhältnis, resultierend aus zahlreichen Gegensätzen. Es lässt sich eine zunehmende Tendenz zur Wertschätzung der Natur in breiteren gesellschaftlichen Kreisen beobachten, die in mehr öffentlicher Aufmerksamkeit für Umweltproblematiken sowie in mehr Engagement für den Naturschutz mündet. Gleichzeitig wird die Natur weiter zurückgedrängt, die Entfremdung setzt sich fort; zudem halten Naturzerstörung und Naturausbeutung an. Natur hat ihren Bedrohungscharakter abgeworfen und genug Distanz zur Menschheit eingenommen, dass die Menschen der entwickelten Welt diese als Freizeitobjekt wahrnehmen. Dieser Objektcharakter ist nicht zwangsläufig problematisch und zu einem gewissen Grade auch im menschlichen Umgang mit seiner Außenwelt selbstverständlich; allerdings besteht durchaus die Gefahr zu verkennen, dass trotz diesem Objektcharakter für den Menschen die Natur auch einen Subjektcharakter haben kann. Weiterhin sollte man zumindest hinterfragen, inwiefern einige dieser Wandlungen hin zur Natur nicht auch instrumentell durch die Suche nach einer Gruppenzugehörigkeit und selbstdarstellende Individualisierung begründet sind.

Aber was implizieren diese oben genannten Beobachtungen weitergehend? Neben offensichtlichen Implikationen schimmern einige etwas unscheinbarer durch. Die fortlaufende Entfremdung macht es schwieriger, die Natur ihrem Wesen nach zu beurteilen, da Kenntnis und Verbindung fehlen; somit mangelt es an Resonanz der Menschen auf der Suche nach immateriellen oder einem physiozentrischen Wert der Natur. Die Parallelität der fortlaufenden Zerstörung der Natur und der Bemühungen für mehr Naturschutz beschwört einen zwar notwendigen, allerdings auch schädlichen Diskurs, der die Menschheit zum Richter über das Schicksal der Natur macht und somit entscheidend zu ihrer Objektivierung beiträgt. Die Regression der Natur zu einem Freizeitobjekt, obgleich durch die physische Annäherung eine aus den Erfahrungen wachsende Bindung entstehen können, kann eben auch als neue Form der Usurpation im Verhältnis gesehen werden. Die Menschen manifestieren dadurch den Objektstatus der Natur, die Gefahr des Anthropozentrismus und der Kommerzialisierung liegt in der Luft; man fragt implizit nur noch, was die Natur dem Menschen zu bieten hat. Auch das oben angeführte allgemein präsente Spannungsverhältnis ist dem Zwecke zwar vielleicht durch vermehrte Aufmerksamkeit in der Wahrnehmung dienlich, allerdings rückt es eben den eigentlichen Gegenstand ins Abseits und birgt die Gefahr eines Diskurses, dem die eigentliche Substanz abhandenkommt, gerade durch die zunehmende Divergenz zwischen Debattengegenstand und der Realität der Debattenführenden.

Wir müssen uns bewusst machen, dass unser Verständnis der Natur unseren Umgang zur Außenwelt und spezieller im Hinblick auf den Klimawandel prägt. Ein verändertes Naturverständnis sollte bei der Eindämmung des Klimawandels helfen, indem es uns die Natur näherbringt, Prozesse der Entfremdung versucht umzukehren und eine Versöhnung mit offenen Karten anstrebt. Weiterhin werden derartig die Grenzen technologischer Apparaturen aufgezeigt, da, selbst wenn diese die ihnen auferlegten Anforderungen bravourös meistern, die Frage bleibt zu welchem Preis dies für die Natur und damit indirekt für die Menschheit geschieht. Es geht hierbei auch nicht darum, Mitleid für jeden Staubkorn der Natur zu entwickeln und diesen moralisch aufzuwerten, sondern lediglich der Natur als Gesamtheit, Einheit und Zusammenspiel des außermenschlichen Lebens auf Erden, einen Wert/ein Recht auf Subsistenz zuzusprechen.

Generell geht es darum einen Wert der Natur zu begründen, der unabhängig von dem instrumentellen und theozentrischen Wert steht, auch wenn selbst instrumentelle und theozentrische (für entsprechend gläubige Personen und Gruppen) Werte der Natur häufig nicht entsprechende Berücksichtigung im öffentlichen Diskurs finden. Diese Abkehr von instrumentellen Werten bietet auch die Möglichkeit an, Argumente für den Klimaschutz zu finden unabhängig von der Prognosenunsicherheit, ethischen Abwägungen der Interessen kommender Generationen, der Ferne der Zukunft, in denen erst wirklich großflächigere Probleme auftreten werden, und von dem internationalen kollektiven Handlungsproblem (also die nationale Irrationalität, tätig zu werden, ohne dass international ebenfalls gehandelt wird). Zum einen müssen die Menschen die Natur als einen ihr inhärenten, prägenden Teil betrachten, der vor allem innerhalb ihrer Historie sie geprägt hat. Wir entstammen nun einmal evolutionär bedingt der Natur und ihren Gewohnheiten und Gesetzmäßigkeiten. Jahrmillionen lang würden wir durch sie geprägt und geformt und zu Beginn in das Leben erhoben. Dieses Faktum zu verdrängen und zu verbannen, ist eine gefährliche Eigenart, die dem Menschen aus seinem Sein herausreißt und ihn in eine künstliche Welt hineinsetzt, die beliebig formbar und beherrschbar ist. Innerhalb dieses Rahmens war und bleibt die Natur für die Menschheit eine Spiegelbildfläche als außerhalb ihrer existierender Raum, der nicht selbst von ihr begründet wurde. Ohne ein Bewusstsein für dieses unabhängig Existierende verliert die Menschheit eine wichtige Reflexionsquelle; jede Handlung und Entscheidung wäre geprägt durch Willkür. Eng verwebt mit den geäußerten Gedanken sind zwei weitere. Zum einen kann die Natur als Bedingung von Kunst und Kultur gesehen werden. Seien es die Anfänge der Kultur in der Naturanbetung und daraus erwachsende Mystifizierungen oder das Nachempfinden des Naturschönen in der Kunst. Obgleich sich viele Bereiche mittlerweile emanzipiert haben, ist aus den oben genannten ein Rückbesinnen von großer Bedeutung, um bedeutsame Wesen und nicht leere Dinge zu erschaffen. Zum anderen erwächst aus der Natur eine zentrale Komponente menschlicher Freiheit, gerade in zivilisierten Gesellschaftsstrukturen. In einer der Natur entfremdeten Gesellschaft ist der Mensch den gesellschaftlichen Strukturen und Eigenheiten unterworfen; machtlos läge er in Ketten da, denn die durch die Natur gesetzte Freiheit kennt dieser Mensch und diese Gesellschaft nicht; sie wären unfrei, ohne sich dessen bewusst zu sein, da die Reflexion fehlt. Zu guter Letzt lohnt sich eine kurze Beschäftigung mit der Frage nach einem physiozentrischen Wert der Natur. Hier lässt sich zum einen eine Schelling folgende Argumentation anführen. Da der Natur Prinzipien innewohnen und sie selbst schaffen sowie menschlich agieren kann, wird sie zum handelnden Subjekt, womit ihr Raum und Freiheit zustehen; zudem könnte man hier, solange man nicht an eine von einer Transzendenz gesetzten, besonderen Position des Menschen auf Erden glaubt, die These aufstellen, dass, wenn der Mensch als aus der Natur entstammendes Wesen als Subjekt zu betrachten ist, dieses zwar nicht auf jedes Wesen der Natur, aber zumindest auf die Natur als Gesamtheit zutrifft, da sie den Menschen hervorgebracht hat. Die Überlegenheit oder die Andersartigkeit der Menschen gegenüber der Natur und den anderen Lebewesen ist nicht von der Hand zu weisen, sei es das Akzidenz der Vernunft, die Möglichkeit der Selbstreflexion oder das vorausschauende und rückblickende oder das begriffliche Denken. Aus dieser Andersartigkeit und dem Potential der Beherrschung muss aber keine faktische Beherrschung erfolgen; aus dieser Position heraus kann man anerkennen, dass eine Verantwortung den Menschen gegenüber der Natur besteht, weil sie zwar nicht gleich, aber ihnen ähnlich ist.

Das Ideal, Mensch und Natur in Einklang zu bringen, darf durchaus als lächerliche Rhetorik verstanden werden; die Natur bleibt allen Lebewesen feindlich, ein Einklang im Schatten städtischer Hochhäuser erscheint grotesk. Vielmehr ist eine Versöhnung angebracht; Menschen müssen lernen, was die Natur ist, sie erleben, sie empfangen, sie kennen, sie respektieren und lieben; ihr als Subjekt begegnen. Eine Unterwerfung der Menschen unter diese oder Gleichwertigkeit entbehrt allerdings der Realität; davor sind wir ihr zu stark enteilt; aber anzuerkennen, dass sie unsere Historie, unser Spiegelbild ist, anerkennen, dass wir immer noch ihr entstammen und den Punkt, an dem eine lebenssichernde Emanzipation stattfindet, längst überschritten ist, das ist unsere Aufgabe; dabei dürfen wir nicht vergessen, dass wir selbst der Natur entstammen und aus einer höheren Stellung kein Recht, sondern eine Verantwortung erwächst. Aus diesem Bewusstsein sollten wir ein breiteres gesellschaftliches Naturverständnis ableiten, das zentral für den Versuch ist, den Klimawandel entgegenzutreten, nicht durch direktive moralische Imperative und diktierte Freiheitsbeschneidungen, sondern durch Menschen, die der Natur in ihrer Gesamtheit begegnen, sie anerkennen und schätzen.

Inhaltliche Quellen:

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/ethik-und-philosophie/daoismus-seele-china-thema100.html

https://oeh.univie.ac.at/zeitgenossin/natur-und-versohnung

https://www.bpb.de/apuz/305897/zum-verhaeltnis-von-mensch-und-natur

https://www.philomag.de/artikel/schelling-und-die-klimakrise

Kaulbach, Friedrich. 1982. „Nietzsches Interpretation der Natur.“ Nietzsche-Studien. Band 10. Heft 1. Seiten 442-481.

Leopold, Aldo. 1949. A Sand County Almanac. Oxford: Oxford University Press.

Spengler, Oswald. 1931. Der Mensch und die Technik. Beitrag zu einer Philosophie des Lebens. München: C. H. Beck.

Quelle des Bildes: Alexej von Jawlensky, Füssen, 1905, Öl auf Pappe, 38 cm x 49,9 cm x 0,5 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Dauerleihgabe der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München. CC BY-SA 4.0
https://www.lenbachhaus.de/entdecken/sammlung-online/detail/fuessen-30031548 (Änderungen wurden am Bild vorgenommen)

Buchvorstellung – Die Welt von Gestern

Stefan Zweig Bild

 

Die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts haben mit ihren Ereignissen die Entwicklung der Menschheit und besonders die Entwicklung Europas nachhaltig beeinflusst. Nach langen Friedensjahren, die mit Stabilität, einem ubiquitären Fortschrittsoptimismus und dem Aufleben der Kultur und Kunst einhergingen, brach mit den Ersten Weltkrieg und seinen Grauen eine neue Zeit über Europa herein, geprägt durch politische und wirtschaftliche Instabilität, aber auch durch den Aufstieg einer liberaleren Lebensführung und Moral, durch eine erneute Blütezeit der Kunst und Kultur und durch die Entstehung der „europäischen Idee“. Wenige Jahre später zerrüttete der Aufstieg des Faschismus alle vorherigen Strukturen und Ideen Europas und stürzte den Kontinent mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges endgültig ins Chaos.

In diesem Rahmen verfasste Stefan Zweig, ein überzeugter jüdischer Europäer und einer der begnadetsten Schriftsteller seiner Zeit, zwischen 1939 und 1942 seine Autobiographie „Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers“ und schuf damit nicht nur ein Resümee für sein individuelles Leben, sondern vielmehr auch für die letzten Jahrzehnte Europas, denen neben vielen evidenten Grauen auch Schönheit, Simplizität, Ideen und Hoffnung innewohnten.

Zweig sammelt aus dem Exil heraus die Erinnerungen an seine vergangene Zeit, er erzählt groteske und bewegende Anekdoten, kommentiert das Zeitgeschehen und gibt einen authentischen Einblick in die europäische Kunst- und Kulturlandschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dabei gelingt es ihm, den Leser, obwohl er durchaus eine gewisse Distanz zu seinen Erinnerungen behält (wohl auch bedingt durch seine eigene zeitlich-räumliche Entfernung im Exil), in seinen Bann zu ziehen, mit einer packenden, aber dennoch nie emotionalisierenden Sprache, die zugleich zum Träumen und Fürchten einlädt.

Er beginnt sein Werk mit einer plastischen Beschreibung Wiens seiner Kindheit, eine Stadt der Kunst und Kultur, in der Lebensfreude, Optimismus und Gelassenheit herrschen. Im Anschluss folgen Abrechnungen mit der Bildung in der Schule und der Universität sowie der Sexualmoral des kaiserlich und königlichen Wiens und Nachzeichnungen seiner jungen Erwachsenenjahre im Europa vor dem ersten Weltkrieg als eine Zeit harmonischer und freundschaftlicher Stabilität, geprägt von Optimismus und Fortschrittsglauben. In diese Zeit bricht die Grundtragödie des 20. Jahrhunderts in Form des Ersten Weltkrieges herein. Mit diesem Ereignis ändert sich der Charakter des Buches; eine apolitische Lebensweise ist nicht mehr möglich, da die politischen Gegebenheiten der nächsten Jahrzehnte das Individuum stark einschränken, vor allem in seiner Freiheit. In diesem Rahmen gelingt es Stefan Zweig eine illustrierten Darstellung auf das Zeitgeschehen seiner Zeit zu entwerfen, die dem Leser durchaus erlaubt, einen eigenen und neuen Blickwinkel auf diese Jahrzehnte, aber auch auf die Historie insgesamt zu gewinnen. Die Aufzeichnungen beginnen mit Schilderungen zu der Hyperinflation, spannen bald einen Bogen zum Aufstieg des Faschismus und enden mit Zweigs Gang ins Exil auf der Flucht vor den Fängen des Nationalsozialismus.

Im Exil von Depression geplagt lässt Zweig seine Autobiographie mit einem Satz ausklingen, der versucht, versöhnlich mit seinem eigenen und dem Schicksal Europas abzuschließen: „Aber jeder Schatten ist im Letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt.“ Einige Monate später wählte er im Exil in Brasilien den Weg des Freitods.

Unabhängig von der inhärenten Historizität wohnt dem Werk aber auch ein grundlegend zeitloser Charakter inne. Es werden zeitlose Ideen vertreten und zeitlose Fragen debattiert, wie der Pazifismus, die Rolle der Kunst bzw. Kultur für eine Gesellschaft, das Schicksal des „jüdischen Volkes“ oder eine Auseinandersetzung mit dem politischen Extremismus, den Zweig, der sich selbst als eigentlich apolitisch charakterisierte, miterleben und erdulden musste. Ein besonderer Fokus kommt der Europa-Idee zu, die Zweig fast schon kosmopolitisch ausdehnt; ihm gelingt es, den ideellen Wert einer europäischen Gemeinschaft zu illustrieren, der uns Europäer, unabhängig von der dahinterstehenden politischen und wirtschaftlichen Macht, an die ursprüngliche Idee eines gemeinsamen Europas erinnern sollte, die in den heutigen Zeiten teilweise vergessen zu sein scheint. Des Weiteren findet eine starke vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Konzept und der Bedeutung der individuellen Freiheit statt. Dieser Aspekt, der sich sowohl mit der äußeren Freiheit in der Bildung oder in der Sexualität als auch mit der Entdeckung der inneren Freiheit und der daraus resultierenden Entfaltung auseinandersetzt, darf uns auch in Zeiten, in denen der Wert der inneren und äußeren Freiheit des Individuums durch diverse Faktoren hinterfragt bzw. eingeschränkt wird, durchaus als Mahnung gelten.

Insgesamt handelt es sich um ein sprachlich sehr schön verfasstes Werk, welches auf inhaltlicher Ebene die Sichtweise eines involvierten, aber doch grundlegend apolitischen Europäers auf die so verhängnisvolle Episode für Europa aufzeigt; diese Epoche, die gleichzeitig so viele Chancen mit sich gebracht hatte, deren Realisierung aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf breitere Ebene begann, in einer Welt, die nicht mehr die gleiche war.

Buchvorstellung – Bowling Alone

Bowling Alone

 

Bowling Alone: auch nach Corona?

In Corona Zeiten bedeutet Social Distancing einen erheblichen Verlust an Lebensqualität. Gerade jetzt bemerken wir, wie wichtig soziale Kontakte sind und wie sehr das vom Virus erzwungene Social Distancing uns beeinträchtigt. Die Welt wartet auf den Impfstoff, dann können wir uns endlich wieder treffen. Wirklich?

Schon vor 20 Jahren argumentierte der Politologe Robert Putnam in seinem Opus Magnus Bowling Alone für die USA, dass das soziale Kapital seit den 60-er Jahren abnehme. Während Kennedy 1965 in seiner Rede zur Amtseinführung noch stolz fordern konnte: „Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country“, sei die Gesellschaft um die Jahrtausendwende auseinander gedriftet. Menschen seien weniger altruistisch, sie würden einander weniger vertrauen und vereinsamen. Unsere Generation bowlt nicht mehr zusammen, sondern jeder für sich: Bowling Alone. Ganz ohne Corona. Ja, und?
Putnam argumentiert, soziale Verarmung des Individuums sei gefährlich für die Gesellschaft als Ganzes. Hohes soziales Kapital fördert uns vielfältig: es sorgt für bessere individuelle Chancen, sicherere, produktivere und gerechtere Gesellschaften und stabilere, gemäßigte politische Strukturen. Umgekehrt führt niedriges soziales Kapital zu Klassendenken, Populismus und Rassismus.

Meiner Meinung nach entstehen viele soziale Kontakte zufällig, z.B. durch die Uni, beim Sport oder bei Initiativen. Heute werden diese Zufallsbegegnungen immer seltener. In der S-Bahn hören wir Musik über Kopfhörer, lassen unsere Einkäufe nach Hause liefern und streamen auf Netflix, statt ins Kino zu gehen. Und nach Corona werden viele ganz von zu Hause aus arbeiten. Unser Leben wird durch neue Technologien zwar immer bequemer, aber gleichzeitig auch isolierter.

Obwohl Bowling Alone bereits vor 20 Jahren erschienen ist, bleibt das Thema aktuell. Soziales Miteinander ist keine Selbstverständlichkeit. Corona ist wie ein Brennglas, das nur Probleme aufzeigt, die davor schon existiert haben. Deswegen ist Corona auch eine Chance, die Probleme bewusst macht und uns so hoffentlich aktiviert.

– Paul

 

Empfehlung: „Wer wir waren“ von Roger Willemsen

Ich bin wie erschlagen nachdem ich dieses Buch in einem Rutsch gelesen habe. Das Buch reflektiert die Bedeutung des Lebens im 21. Jahrhundert – das Gefühl der Flüchtigkeit, das uns inzwischen bei fast allem begegnet und auch das Gefühl, verloren zu sein in einer informationsüberfluteten Welt ohne Privatsphäre.
„Wer wir waren“ ist in Buch, das mehrfach gelesen werden muss, weil jeder Satz so wertvoll ist und eines, das einen zum Weiterdenken verleitet. Ich kann es jedem empfehlen, der in einer unreal erscheinenden Zeit Reflexion sucht.
– Anna

Holistische Ansätze beim Klimaschutz in Paris

In Paris, wie in vielen anderen Städten weltweit, litt die Bevölkerung unter den erdrückenden Hitzewellen dieses Sommers. Nun startet die Stadt ein neues, holistisches Projekt, um die Temperatur in der Innenstadt zu senken: bis 2040 sollen alle 800 Schulhöfe in Paris grün sein.

Genügend Grünflächen können die Temperaturen um bis zu 5° herunterfahren und somit die Hitzewellen abschwächen. Die Schulen müssen wegen der enormen Hitze nicht schließen (in Schulhöfen wird es dank des Betons bis zu 55° heiß und französische Schulen machen an bis zu 30 Tagen im Jahr Hitzefrei). Die neuen Grünflächen sollen für die Öffentlichkeit außerhalb der Schulzeiten frei zugänglich sein und somit auch bei schwächeren Leuten Abkühlung ermöglichen sowie soziale Integration vorantreiben.

Mehr zu dem Thema könnt ihr hier lesen.